Claudia Ingenillen

Ausgabe November 2014

Der Kuss … der Liebe

Da liegt sie vor ihm, immer noch schön.

Die Atmosphäre ist unwirklich, wie aus einer anderen Welt.

Ihre Atmung ist gleichmäßig, zu gleichmäßig.

Ihr Geruch ist nur ganz leicht wahrzunehmen, aber er ist noch da.

Er greift ihre Hand, ganz vorsichtig.

Sie zeigt keine Reaktion, so tief ist ihr Schlaf.

Wie oft hat er sie in den letzten Monaten so beobachtet.

Der Sommer ging vorbei, der Herbst und bald kommt ihr geliebtes Weihnachtsfest.

Seine Gedanken gehen weit zurück, zurück auf den Feldweg am Rhein.

Dort stand sie mit ihrem Fahrrad am Rand, als er an ihr vorbei fuhr.

Er hob seinen Hut, grüßte lächelnd und fuhr weiter.

Mit ihrem Petticoat Kleid sah sie so schön aus.

Sie lächelte verlegen zurück.

20 Meter weiter wendete er sein Rad, er musste es einfach machen.

Nachdem er all seinen Mut zusammengenommen hatte, sprach er sie an.

Nie hat er diesen Tag vor über 50 Jahren bereut.

Jetzt hält er ihre Hand und streichelt sanft mit dem Daumen über ihren Handrücken.

Er küsst sie und steht auf.

Ihr Mund ist unerreichbar für ihn, so verabschiedet er sich, wie er es immer machte.

Vorsichtig beugt er sich über ihr Gesicht und küsst ihre geschlossenen Augen.

Erst das Linke, ganz vorsichtig, er möchte sie nicht stören.

Während er ihr rechtes Auge küsst, zieht er mit all seiner verbliebenen Kraft den Stecker.

Ausgabe August 2014

Warmgehalten

Innere Kälte unter schweißperlender Außenhaut

Lügenmund säuselt dir in dein williges Ohr

Pfeilspitzenwahrheit, gehörgängige Realitätsdefizite

Umarmend weggestoßen, nur Körper mit entfremdeter Seele

Totes Gefühl, ins Koma geschickt

Langsames Absterben alltäglich missachtet, nicht betrachtet

Quergestreifte Realität

Reibungsvermeidungskälte

Warmgehaltenes Leben

Zertretene Träume

Wie mit der Hand in Brei fassen, zudrücken, durch die Finger quetschen

Weiche Zerstörung, Deformierung

Minimalistischer Kraftaufwand, geschmeidig zerwühlen, durchwühlen

Seelenverdammende Gefügigkeit, wertzerfetzendes Handeln bis zur inneren Selbstaufgabe

Entseelter Körper, Gebrauchsware ohne Verpackung, weltenentfernt

Benutzungsstopp, lieber sterben, keine selbstgeduldete Selbstverachtung

Phönixgefühle erwachen sekundenschnell

Atmen

Ausgabe Juli 2014

Der Duft, der in die Vergangenheit führt

Der Kaffee schmeckte ihm an diesem Morgen so wie jeden Morgen, hier, in dem kleinen Café am Rande der Fußgängerzone. Seine Füße führten ihn, ohne dass er groß darüber nachdenken musste, wie von allein zu seinem Platz. Gab es eine Zeit, zu der er dort noch nicht seinen Morgenkaffee zu sich genommen hatte?

Da war er plötzlich, dieser Duft. Ihr Duft. Er roch sie mit all seinen Sinnen, spürte sie körperlich.

Einfach so, von einer Sekunde auf die andere. Bilder entstanden vor seinem inneren Auge, Bilder, die er lange vergessen glaubte. Oder vergessen hatte?

Weil sie immer noch schmerzten, obschon so unendlich schön.

Ihr Haar, wie es sich im Wind bewegte, wie es sich vor ihr Gesicht legte, als sie sich zu ihm umdrehte, um ihn aus dem tiefsten Innern anzulächeln. Ihre zarte Bewegung der Hand, mit der sie jede einzelne Strähne zu bändigen versuchte.  Wo kam der Duft so plötzlich her?

Er stand auf, stand auf von seinem Platz in dem kleinen Café, ließ wie immer ein großzügiges Trinkgeld für den mit ihm gealterten Kellner da. Diesmal hatte er keine Zeit um sich zu verabschieden, er musste einfach diesem Geruch folgen, den er so sehr vermisste.

Wieder sah er sie in Gedanken vor sich, sie hatte ihm den Rücken zugewandt und blickte aufs Meer hinaus. Er legte seine Arme von hinten um sie und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar, flüsterte ihr zärtliche Worte zu.  Die Wärme, die er damals empfand, durchflutete seinen Körper, er fühlte sich wohlig und geborgen.  Schritt für Schritt folgte er jetzt der Spur, die dieser vertraute, so viel Liebe verströmende Hauch, der seine Sinne immer noch betörte, in der Morgenluft hinterließ.

Auch wenn es nicht sein konnte, wollte er sich diesen Moment nicht entgehen lassen, er wollte die Bilder sehen, die sich aus seiner Erinnerung vor ihm zeigten. Der Duft wurde jetzt intensiver, er näherte sich der Quelle, seinem Ursprung, und mit steigender Intensität steigerte sich die Klarheit seiner Bilder.  Es wurde fast zu einer Qual, wusste er doch, welche Bilder er am Ende sehen würde.

Dann stand er neben ihr, eine kleine Frau mit lustig springenden roten Locken, stand an der Ampel neben ihm.

Ihr Haar, ihr Haar war der Ursprung des Wohlgeruchs, für andere vielleicht nicht so wahrnehmbar, doch er folgte ihrer unbewusst ausgelegten Spur wie ein Jagdhund der Beute.

Nur hatte er die Nase die ganze Zeit in der Luft und nicht am Boden.

Noch einmal sog er den Hauch der Vergangenheit in sich auf und blieb dann an einem kleinen Geschäft stehen.

Er kaufte eine weiße und eine blaue Rose und ging einfach.

Seine Füße fanden den Weg, ohne dass der Geist bewusst steuerte.

Ein Film lief in seinem Kopf ab, ein Film, den er doch so sehr zu vergessen versuchte.

Wie er sie im Arm hielt, kurz, nachdem es passierte, wie ihr Kopf schlaff nach unten hing.

Das blutige kleine Rinnsal, das aus ihrem Ohr kam, kaum merklich aber doch vorhanden.

Seine Tränen, die auf ihr Gesicht tropften und das doch keine Regung mehr zeigte, nie mehr zeigen würde.

Das letzte Mal, dass er sein Gesicht in ihrem Haar vergrub, das letzte Mal, dass er sie ganz in sich aufnahm. Seine Stimme, so laut und doch erstickend im Schmerz.

Dieser Wunsch, sie immer halten zu wollen und sich doch lösen musste.

Die letzte Rose, die er auf ihren Sarg legte, bevor er sich für immer in die Erde verabschiedete.

Jetzt stand er wieder vor ihrem Grab, wieder mit Tränen im Gesicht.

Zu lange hatte er den Weg hierher gemieden, wollte es nicht wahrhaben und lebte doch jeden Tag mit der Gewissheit.

Er legte die Rosen ab, führte die rechte Hand an den Mund und schickte ihr einen Kuss.

Mit dem Bewusstsein, sie immer um sich zu haben, sie immer in sich zu tragen, drehte er sich ab.

Sie würde immer weiter leben, sei es durch einen Sonnenstrahl, einen Windhauch oder einfach durch einen Duft.

 

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