Gerda Berglar

Autorenbild_Gerda

Ausgabe Dezember 2015

Der Rat einer Hundertjährigen

Auf dem Webstuhl befindet sich das Tuch, an dem ich seit 67 Jahren arbeite.
Damit die Fäden gespannt sind, musste ich das bisher Gewebte schon oft aufrollen
und der Umfang dieser Rolle ist inzwischen beträchtlich.

Bei dem zuletzt Gewebten sind bunte Noppen zu erkennen. Sie stehen für die
letzten Jahre, in denen mein Leben durch ein anderes Umfeld und neue Menschen
wieder an Farbe gewann. Davor gibt es eine Fläche, in der jede Reihe eine andere
Farbe hat. Meistens eine zurückhaltende. Das war eine Zeit des Trauerns, des
Nachdenkens, aber auch der Aktivitäten im sozialen Bereich, was nicht nur beglückend war.

Gestern traf ich dich im Wollgeschäft. Wir kamen ins Gespräch und du erzähltest mir, dass dein 100. Geburtstag vor der Tür steht. „Willst du ihn rein lassen?“ frozzelte ich und wir lachten beide.

Und dann nahmst du mir sanft die zart gelbe Wolle aus der Hand, legtest sie in das Fach zurück und gingst mit mir ein paar Reihen weiter. Schockfarben füllten dort die Fächer. „Ist nicht so mein Ding“ gab ich zu verstehen „ Es wäre auch unvernünftig das schöne Tuch damit zu verunstalten!“

Deine Antwort darauf gibt mir bis heute zu denken: „Ist es denn vernünftig, immer vernünftig zu sein?“

Was meinst du damit? Ich habe schließlich in den letzten Jahren oft mehr mutig oder unkonventionell gehandelt als vernünftig!

Aber durch deinen Rat griff ich zur lila und zur knallroten Wolle, die tatsächlich nebeneinander sich und mir sehr gefallen. Ungewöhnlich, denke ich im Stillen. Solltest du Recht haben und ich darf, kann oder muss vielleicht sogar mir viel mehr zutrauen und manchmal einfach aus der Reihe tanzen?

Irgendwie gefällt mir der Gedanke – noch mehr Farbe, noch mehr Erlebnisse, noch viel mehr Wagnisse!

 

Wege

Du liest das Buch, bist ganz versunken,
schlüpfst in die Haut des Autors
denkst, empfindest wie er,
verstehst

Im Laufe deines Lebens hast du
viele Bücher gelesen
einige zeigten dir die Welt aus einem
neuen, dir unbekannten Blickwinkel
wiesen dir Wege, die du nun zurücklegst

Du gehst über Feldwege
über rutschige Brücken
kletterst felsige Pfade
den Berg hinauf
wanderst auf weichem Gras
und auf hartem Pflaster

Mal beschwerlich, mal leicht
sind diese Wege
niemals ausgetreten
oft überraschend
wie unendlich reich ist das Leben
für dich geworden

Ausgabe Oktober 2015

Marie

Wie ein Blitz das Gewitter

so erhellst du meine Welt.

Wenn du mit strahlenden Augen

auf mich zu stürmst

Mit deinem unnachahmlichen Sprung

mir in die Arme hüpfst

Deine Ärmchen um meinen Hals schlingst

um mir den satten, feuchten Kinderkuss

ins Gesicht zu schmatzen.

 

Montagmittag

Kann es sein, dass das Glück

durch die Stadt geht und nicht gesehen wird?

Warum haben so viele Menschen

die Mundwinkel und den Blick gesenkt,

als würden sie die Pflastersteine zählen?

Jeder Einzelne scheint eine Insel

in dem Meer von Passanten zu sein,

sind sie in Gedanken oder

haben sie es nur ganz eilig

oder tragen sie eine Maske,

hinter der sie ihre Einsamkeit verstecken?

 

Der Straßenmusikant spielt mit klammen Fingern

eine fröhliche Melodie auf seiner Klarinette …

du verweilst einen Moment,

kramst verzaubert nach einer Münze

und beim Weitergehen trifft dich

ein Blick aus fremden Augen …

offen und freundlich lächelnd,

wärmend wie Kaschmir.

Ausgabe Januar 2015

Sein

Kann die Zeit stehen bleiben?
Wenn du es erlebst
dann bekommst du eine Ahnung
von der Unendlichkeit
ein Hauch von Weisheit erhellt dich
die der nächste Atemzug wieder fort trägt

Und schon willst du weiter leben
wie im Zeitraffer
willst möglichst viel davon mitnehmen
nichts versäumen
und übersiehst gerade deswegen
die kleine blaue Blüte am Wegesrand

Entschleunigung ist das Lösungswort
langsam sein, nicht langweilig
aufmerksam und liebevoll bedächtig
das Umfeld und den Menschen neben dir
wahrnehmen
weil alles endlich ist
die Liebe
die gemeinsame Zeit
das Leben

 

Abendstille

Zwischen Tag und Abend
höre ich der Stille zu

Blätterrauschen
Vogelgezwitscher
Grillenzirpen

Ein Windhauch streichelt mich
noch bevor die Gräser sich neigen
Die Mondsichel
zart gemalt auf graublauem Grund
winkt der Sonne zum Abschied

Langsam, ganz langsam
weicht der Tag der Nacht

© GMB

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s