Jörg Hüttmann

Jörg Hüttmann

DEIN TEXTER – ICH FINDE IHRE WORTE

BLUE ACHT, Ausgabe Juli 2015

Geben vor Nehmen – eine alte Weisheit, adaptiert für ein neues (geschäftliches) Miteinander im 21. Jahrhundert

 

„Geben ist seliger denn Nehmen“ wird gerne aus der Bibel zitiert (obwohl es im Original „als“ statt „denn“ lautet. Es hört sich wohl schlichtweg erhabener an). Auf diese bedingungsfreie, völlig selbstlose Uneigennützigkeit beziehe ich mich in diesem Text aber nicht. Ohne sie jedoch herabwürdigen zu wollen.

 

Vielmehr sehe ich den heutigen Bezug in der zeitlichen Abfolge: Erst geben, dann nehmen. Dies aber ohne Zwang oder drückende Verbindlichkeit. Der emotionale Aspekt erschließt sich in dieser Deutung vielleicht nicht auf den ersten Blick – wird aber dann sehr klar, sobald man sich diese Prämisse als direkten Gegensatz zum eiskalten Hard-Selling vorstellt.

 

Seit dem Beginn meiner Selbstständigkeit als freier Texter, Autor und Online-PR-Berater im November 2013 bin ich regelmäßig auf Netzwerktreffen verschiedenster Veranstalter unterwegs, moderiere selbst eine Unternehmerrunde und halte Vorträge zum Thema Text-Optimierung von Webseiten. Ich lerne ständig neue Menschen kennen, darf ein wenig in ihren Motivations- und Leidenschafts-Kosmos blicken und habe auch schon echte Freundschaften geschlossen.

 

Von etwa zehn Personen, die an einem Treffen teilnehmen, versucht im Durchschnitt jeweils einer, sofort nach der Vorstellungsrunde mit der Tür ins Haus zu fallen und sein Produkt oder seine Dienstleistung umgehend an den Mann oder die Frau zu bringen. Es gibt zwar Event-Formate, bei denen diese Vorgehensweise funktioniert oder sogar gewünscht wird. Die große Masse der „normalen“ Netzwerkveranstaltungen distanziert sich aber mittlerweile von dieser Masche.

 

Warum?

Der Blickwinkel ist schlichtweg der falsche. Es geht diesen Abverkäufern überhaupt nicht darum, auf den Menschen einzugehen, seine Bedürfnisse zu verstehen oder einfach ergebnisoffen ein interessantes Gespräch zu führen. Der Fokus liegt auf dem „Ich“, nicht auf dem „Wir“ oder sogar auf dem „Du“.

Diese Über-Egoisten stehen sich im wahrsten Sinne des Wortes während der gesamten Veranstaltungsdauer selbst im Wege und ziehen im besten Fall mit einem Glückstreffer wieder von dannen. Der positive Nebeneffekt: man sieht sie selten wieder, jedenfalls nicht auf Folgeterminen des jeweiligen Formats.

Somit wenden wir uns der erfolgreichen Alternative zu. Des freundlichen, höflichen Kennenlernens, das mit erwartungsfreiem Geben zu tun hat.

Meiner Erfahrung nach finden sich drei Arten des Gebens im geschäftlichen Miteinander:

 

Vertrauen geben

Man gibt seinem Gegenüber erst einmal die Gelegenheit, sich und seine Leidenschaft so ausführlich wie möglich vorzustellen. Ohne ihn bei Auftreten bestimmter Schlüsselbegriffe sofort in eine passende Schublade des eigenen Vorurteilsschrankes zu stecken. Fühlt sich der Gesprächspartner wohl und respektvoll behandelt, öffnet auch er sich für neue Gedanken, Ideen oder Lebensgeschichten.

 

Hilfestellung geben

Der andere hat eine interessante, kreative Idee und benötigt eventuell noch passende Kontakte, einen Türöffner oder fachkundigen Tipp. Auch wenn diese Unterstützung vielleicht ein wenig Mühe oder Zeit kostet, biete ich meistens meine Hilfe an, wenn ich kann. Warum auch nicht? Was spricht denn dagegen, den kleinen aber entscheidenden Impuls oder Stups zu geben, damit sich das Erfolgsrad eines Menschen zu drehen beginnt? Sogar vermeintlichen Konkurrenten habe ich schon geholfen. Kein Problem, denn diese Welt ist groß genug für uns alle.

 

Zuversicht geben

Jeder hat mal emotionale Durststrecken im Leben, egal ob es sich um geschäftliche oder private „Downs“ handelt. Es heißt zwar immer so schön, dass man niemals aufgeben darf. Je nach Situation offenbart man mit solchen Durchhalteparolen eher den eigenen Zynismus als dass man sein Gegenüber damit wirklich weiterbringt. Hilfreicher wäre dann, sich eigene Wellentäler ins Gedächtnis zu rufen und, umgangssprachlich ausgedrückt, einfach mal die Klappe zu halten und zuzuhören. Viele Knoten müssen schlicht und ergreifend nur mal ausgesprochen werden, damit sie dann auch entwirrt werden können. Speziell Männer wollen selbst dann Lösungen anbieten, wenn keine erwartet werden.

 

Auf all diese Varianten des bedingungsfreien Gebens folgt über kurz oder lang dann eventuell eine Empfehlung, vielleicht sogar eine geschäftliche Anfrage oder einfach nur ein nettes Dankeschön. Oder gar nichts, was auch kein Beinbruch ist. So ist das Leben eben. Sonst wäre es nicht so spannend ereignisreich.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s