Monika Tachernegg

Autorenbild_Monika

Ausgabe Oktober 2016

Das Morgenlied der Amsel

Noch etwas verschlafen  öffne ich meine Augen, verzaubert von der Melodie, die noch in meinen Ohren klingt. Was für ein schöner Traum. Da… da  höre ich  sie wieder, es ist eine  Amsel, die aus voller Kehle singt und mein Traum ist Wirklichkeit. Sofort ist meine Müdigkeit verflogen und ich lausche ergriffen der Melodie. Ich schaue hinauf zum strahlend blauen Himmel  und weiter zum Baum, an dessen Spitze die Amsel sitzt und mich mit ihrem Gesang  verzaubert . Wie ich diese Morgen liebe, die Stille, diese Ruhe,  kein Laut dringt an mein Ohr, nur die der Amsel.  Was dieser kleine Vogel  für wundervolle Töne von sich gibt, grenzt an ein Wunder.  Was möchte sie mir mitteilen? Was wäre unsere  Welt ohne diese kleinen  Sänger?

Während  ich meinen Kaffee  trinke ,  der wie immer zu heiß ist, halte ich Zwiesprache  mit dem Universum und bedanke mich für diesen Bilderbuch-Morgen und  dafür, dass ich mir die Zeit nehmen  kann, zu lauschen und noch ein bisschen zu träumen, denn ich weiß, dass es nicht immer selbstverständlich ist,  gesund aufzuwachen.  Ich öffne das Fenster und lasse die frische Luft herein. Ein leichter Wind kommt auf, er  streichelt  sanft  mein Gesicht,  und fährt durch mein  Haar. Ich liebe den  frühen Morgen,  wenn die Luft noch rein und unverbraucht ist.  Nachbars Katze, diese Streunerin,  lauert  schon wieder unter dem Baum in der Hoffnung,  die Amsel  fangen zu können. „Da kannst Du lange warten“, sage ich zu ihr, „die ist schneller als du. Außerdem kann sie fliegen, gib’s auf, die kriegst du nie!“ Hundebesitzer gehen mit ihren Vierbeinern in den nahegelegenen  Park, damit ihre Lieblinge ihr „Geschäft“ verrichten können. Meistens läuft das friedlich ab, doch manchmal  geraten die verschiedenen Rassen aneinander, dann wird gebellt und geknurrt, was das Zeug hält.  Wenn  sich Hunde gut verstehen, dann wird  vor Freude gebellt  und  herumgetobt. Es ist eine Freude, ihnen zuzusehen. Man sieht den Hunden an, wie sie Spaß  haben, bis Frauchen oder Herrchen sie an die Leine nehmen, weil die Zeit drängt und sie zur Arbeit müssen.

Langsam erwacht  die Stille um mich herum  und  geht  in die Geräusche des  kommenden Tages über. Menschen hasten zur Arbeit, Mütter, zum Teil auch Väter  sind mit ihren Kleinkindern  unterwegs und bringen sie in den Kinderhort. Handwerker, die verzweifelt einen Parkplatz suchen,  Velofahrer, die mit halsbrecherischer  Geschwindigkeit durch die Straßen  rasen.  Die Amsel  trällert unbeirrt weiter. Ihre  Töne sind voller Liebe, Inbrunst und  Hoffnung,  aber auch durchtränkt  von Trauer und Leid, Krankheit und Elend. Es gibt so vieles, für das wir dankbar  sein können. Ich fühle mich leicht  und schwerelos, während  ich meinen Gedanken freien Lauf lasse.

Was wird  mir der heutige Tag wohl  bringen?  Mit Neugier sehe ich dem Tag entgegen. Welche  Menschen  werden meinen Weg kreuzen?  Bin ich auch gewappnet für unvorhergesehene Dinge, wenn  manches  anders  kommt als  erwartet?  Wer wird mir sein Lächeln schenken? Mit  wem  werde ich sprechen?  Wer bringt mich zum Lachen? Es sind die kleinen, unverhofften  Begebenheiten,  die unser  Leben bereichern, denen wir aber oftmals zu  wenig  Beachtung schenken.  Wie dem auch sei, ich werde mein Paket  annehmen, wie es mir vom Universum geliefert wird. Morgen ist wieder ein anderer Tag und ein anderer Inhalt.

Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken  gerissen durch  Vogelgeschrei.  Andere Vögel  kommen  hinzu, wie Meisen, Spatzen, Schwalben und die ewig hungrigen Krähen, die wie immer auf Futtersuche sind. Ich schaue ihnen zu, wie Sie ihre  Kreise bilden und  wegfliegen, um dann wieder zusammen zu kommen. Welch ein faszinierendes Spiel, so leicht und schwerelos  kreisen  sie am Himmel  dem neuen Tag entgegen.  Oder  ist es gar kein Spiel? Wie gebannt schaue ich dem Treiben dieser  Vögel  zu.  Und denke, wie es wäre, wenn ich auch so fliegen könnte  mit  der Leichtigkeit des  Seins.  Ich würde von oben herabschauen auf  die   Menschen, die hektisch hin und her hasten, die keinen Blick haben für die kleinen Wunder und die Schönheiten  dieser Welt, weil sie so eingebunden in  ihren Verpflichtungen sind.

Die Amsel  ist verstummt, es ist zu laut geworden, man  würde sie kaum mehr hören. Vielleicht kommt sie abends  wieder,  sonst  bestimmt am nächsten  Morgen.  Auch mein Kaffeebecher  ist leer und es ist Zeit für mich, meinen  Tagesablauf zu starten.  Mein Herz ist immer noch erfüllt vom Gesang  der Amsel und  ein Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus,  das sogar anhält, als mein griesgrämiger  Nachbar neugierig  aus dem  Fenster sieht  und  ich ihn mit einem  freundlichen  Guten Morgen begrüße. Leise  summe  ich  ein Lied vor mich hin und fühle mich so beschwingt,  dass ich die ganze Welt  umarmen  könnte, zumindest die Menschen, die mir begegnen.

Lebewohl  Du kleiner  Sänger,  danke für  jeden Tag ,  an dem  Du mich bereicherst  mit Deinem  Gesang  und  mein Herz mit  guten Gedanken  füllst  und mir Glück bringst.  Ich freue mich schon auf morgen!

Ausgabe März 2015

Huhn oder Adler

Es geschah eines Tages auf einem Hühnerhof , dass sich einige Hühner darüber stritten, wer von ihnen das besonders große Ei, das unter den anderen normal großen Eiern lag, ausbrüten soll. Das Geschnatter wurde so laut und heftig, dass der Hahn ein Machtwort sprechen musste, bevor die Hühner sich in die Federn gerieten.

Als die Zeit kam, wo die Küken zu schlüpfen begannen, warteten alle neugierig, bis das große Ei aufbrach. Endlich war es so weit. Die Schale brach auf und heraus schlüpfte, wie nicht anders zu erwarten war, ein besonders großes Küken. Seht euch das einmal an, riefen die Hennen, warum ist dieses Küken viel grösser als die andern? Sie rätselten hin und her, kamen jedoch zu keinem Ergebnis.

Die Zeit verging, die Küken entwickelten sich prächtig und verstanden sich untereinander gut. Mittlerweile fragte niemand mehr, warum das Küken viel grösser war als die andern, es gehörte einfach zu ihnen. Eines Tages, es war ein wunderschöner Tag, die Sonne strahlte vom wolkenlos blauen Himmel, beschloss die Hühnerschar, einen Ausflug rund um den Hühnerhof zu machen. Sie spazierten gut gelaunt herum, pickten da und dort ein paar Körner, gackerten, schwatzten und lachten. Sogar dem Hahn gefiel es und er war stolz auf seine Hühnerschar.

Der junge Adler schaute zum Himmel empor und sah einen riesig großen, schwarzen Vogel mit weit ausgebreiteten Flügeln majestätisch dahin gleiten. Schaut einmal alle her, rief er aufgeregt, wer ist denn dieser große Vogel dort oben? Ja, weißt Du denn das nicht? fragte ihn die Henne, das ist der mächtige  Adler, auch der König der Lüfte genannt.

Oh, sagte der junge Adler bewundernd, so schön, so hoch und so majestätisch will ich auch fliegen können. Genauso wie er. Meinst Du, er nimmt mich einmal mit auf die Reise? Die Henne lachte nur, Dummkopf sagte sie, Dein Platz ist hier bei uns. Du wurdest in unserem Stall geboren und von uns ausgebrütet. Wir sind Deine Familie, Du bist einer von uns, also schlag Dir solche Gedanken aus dem Kopf. Der kleine Adler jedoch konnte sein großes Vorbild nicht vergessen.

Als sie wieder zurück in den Stall gingen, kreisten all seine Gedanken um ihn und als er sich mit den andern Hühnern schlafen legte, träumte er sogar davon. Von nun an hielt er jeden Tag nach dem großen Adler Ausschau, aber er sah ihn nicht.

Eines Morgens stand er besonders früh auf, weil er es in seinem Nest nicht länger aushielt. Die andern Hennen schliefen noch. Leise schlich er sich hinaus und machte die Tür zum Hühnerstall hinter sich zu. Tief atmete er die frische Luft ein und schaute zum Himmel empor und da, da kam er wieder, sein Freund, der große Adler. Schnell kletterte er auf den kleinen Hügel im Hinterhof  und schrie so laut er konnte: Bitte nimm mich mit großer Bruder, bitte bitte! Der hatte Mitleid mit ihm, flog zu ihm hinunter und befahl ihm: Komm, steig auf meinen Rücken und halte Dich gut fest, damit Du nicht hinunter fällst. Schnell kletterte er auf den Rücken und hielt sich fest. Schwupps, und schon flogen sie durch die Lüfte, ach wie war das schön! Ich fliege, schrie er überglücklich, hurra ich fliege. Durch den Lärm aufgeschreckt, kamen die Hühner aus dem Stall gerannt und erstarrten vor Schreck: Komm sofort herunter, riefen sie, da oben ist es viel zu gefährlich für Dich, wer weiß,  was Dir alles passieren kann. Der kleine Adler lachte nur und rief: Ich denke nicht daran, es ist viel zu schön da oben, juhuuuu, ich bin ja so glücklich.

Nach einer  Weile sagte der große Adler zu ihm: So und jetzt flieg! Waaas? Rief der kleine Adler, ich soll fliegen? Ja, sagte er, los, flieg! Der kleine Adler fing plötzlich an zu zittern, ich kann nicht, rief er, es ist so hoch, ich getrau mich nicht. Ich bin ja hier und fang Dich auf, wenn Du fällst, es kann Dir also gar nichts passieren, vertrau mir. Nein, nein, ich kann nicht schluchzte der kleine Adler, dicke Tränen rollten ihm über die Wangen und er schämte sich. Da brachte ihn der Große Adler zurück auf den Boden und setzte ihn vor dem Hühnerstall ab und sagte zu ihm: So wirst Du nie Erfolg haben in Deinem Leben. Ich habe Dir eine Chance gegeben, Du hast sie aber nicht erkannt. Ich muss jetzt weiter. Einen Rat will ich Dir noch geben: Wenn Du weiter kommen willst als die andern, darfst Du niemals aufgeben, hörst Du: niemals! Wenn Du hinfällst, musst Du immer wieder aufstehen.

Übe kleiner Freund, übe, bis Du so leicht und schwerelos fliegen kannst wie ich. Leb wohl! Und schon war er auf und davon.

Der kleine Adler weinte bittere Tränen, sogar der Himmel begann zu weinen. Die Hennen versuchten ihn zu trösten, jedoch ohne Erfolg. Traurig schlich er in den Stall zurück und weinte sich in den Schlaf.

Am nächsten Morgen als er aufwachte, war er immer noch tief traurig und er dachte über die Worte seines großen Bruders  nach. Er hat ja recht, dachte er, von nun an werde ich jeden Tag trainieren bis ich so gut fliegen kann wie mein Vorbild, nein, sogar noch besser. Ich weiß, ich werde es schaffen, denn ich will hier raus aus dem engen, muffigen Stall mit all den gackernden Hühnern. Alle werden mich beneiden und sagen: Seht her, das ist der größte aller Adler, weil er am besten fliegen kann.

Glücklich schlief er ein denn er wusste, dass er es schaffen wird.

 

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